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Istanbul - Reise zur 11. Biennale 11.09 bis 14.09.09

Überflutung war gemeldet worden und schreckliche Bilder gab’s im Fernsehen zu sehen. Menschen retten sich vor den anstürmenden Wassermassen auf Autodächer. Istanbul unter Wasser? Wir sahen nichts, außer einem grauen Himmel. In den Zeitungen war dann zu lesen, dass in einem Außenbezirk die verrotteten Flussläufe, in denen Müll lag und an deren Ufer illegal Häuser gebaut wurden, dass dort das herunterstürzende Wasser nicht ablaufen konnte und über die Ufer trat. Der graue Himmel blieb, bis zum letzten Tag, da kam die Sonne und legte sich golden auf die Stadt, die leuchtete plötzlich in allen Farben und hatte den erwarteten Reiz. Eine Stadt im Meer. Im Boot auf dem Bosporus er- fuhren wir die dreigeteilte Stadt, geteilt durchs Meer: hier der europäische Teil, dort die Altstadt und drüben die asiatische Insel. Neugebaute Brücken schwebten überm Wasser und verbanden Europa und Asien, zwei Spuren nach Europa, zwei Spuren nach Asien. In der Altstadt ragte die Blaue Moschee empor, die wir nicht blau erlebt haben, weil die Sonne fehlte, die sie durch die blauen Glasfenster in blaues Licht tauchen soll. Aber wir haben die Größe bewundert und die geniale Bautechnik, wie die Moschee mit vier elefantenbeinartigen Säulen erdbebensicher gehalten wird, wir waren im Hagia Sophia Museum, das den Islam und das Christentum vereinigt, Ikonen und islamische Bildersprache nebeneinander. Über 90 Prozent gehören dem Islam an, es soll aber mehr Kirchen geben als Moscheen,

Jetzt nun auf dem Wasser fahren wir an den alten Palästen vorbei, die geschichtsträchtig sind und später dann an den alten Holzhäusern, die vor Jahrhunderten die Sommersitze der Reichen waren und es auch heute wieder sind, nun renoviert und modernisiert . Die Festung an der engsten Stelle des Bosporus, die 1453 gebaut wurde und nun für Sommerkonzerte genutzt wird. Die zweite Brücke, unter der wir durchfahren: 1973 gebaut, zwei Säulen und eine schwebende Verbindung. Dann geht’s zurück vorbei am asiatischen Teil, der viel europäischer aussieht als der europäische.
Und dann die Abende zwischen vielen Menschen, vor allem jungen, Essen und Trinken unterm freien Himmel.

Wir haben einen Lidschlag lang etwas von der Stadt und ihrer Geschichte erfahren, es bleiben Zauber und Geheimnis. Wir sind zufällig Vorbeigekommene und können nur ahnen...

Was wir wirklich wahrnehmen, ist die Eröffnung der 11. Biennale. In alten Fabrikhallen werden die Reden gehalten und die Sponsoren ausgezeichnet, manchmal unterbrochen vom wütenden Protest der jungen Zuschauer, sie stören mit Kinderrasseln und keiner nimmt Anstoß. Dann sprechen vier junge und hübsche Schauspielerinnen ein Pamphlet, das die Ungerechtigkeit in der Welt anprangert und dass sich auf Brecht beruft: “What Keeps Mankind Alive“?
Wir sollen dem „Red Thread“ folgen, was wir dann am nächsten Tag auch tun, nachdem wir am Abend noch bewundert haben, wie ausdauernd und intensiv die jungen Menschen bis in die Nacht hinein gefeiert haben, bei lauter Musik und mit Blick aufs Meer und auf gewaltige Kreuzfahrtschiffe.
Die Kunst - in drei verschiedenen Örtlichkeiten zu sehen - nimmt das Motto sehr ernst: Wovon lebt der Mensch? Sie stellt eine Verbindung her zwischen 1929 - als Brecht die Dreigroschenoper schrieb - und heute mit ihrer Meinung ähnlicher Krise. Da tauchen Marx wieder auf und Lenin und Stalin und Videos zum Krieg in Serbien und zum Untergang der SU, da wird versucht, die Ungerechtigkeit der Welt in Kunst zu fassen. Manchmal gelungen, manchmal weniger. Der Eindruck ist aber erstaunlich, dass sich junge Leute - die Kuratorinnen stammen aus Zagreb - den alten Visionen hingeben, die Arbeiten sind nicht aber wirklich neu, nur ganz wenige aktuelle gibt es und eigentlich zeigen sie keinen Weg - ins Freie.
Es kam mir vor wie eine Veranstaltung junger Wilder, die auf sich aufmerksam machen wollen, aber nein, es ist eine offizielle Angelegenheit, immerhin wurde sie vom Minister eröffnet und es ist die drittgrößte Biennale der Welt.
Es war eine große Erfahrung und ein wunderbares Erlebnis, in der Stadt der alten Kultur und der Verzauberung gegenwärtige Kunst so konzentriert präsentiert zu bekommen.

Gitta Lindemann, im Oktober 2009

Marie Hager
Marktleben in Wismar,
l auf Leinwand
66 x 75 cm
Foto: E. Walford